Der internistische Kurzarztbrief

A. Rahn, J. Honneth, H.-G. Nehen

(Konzept erarbeitet 1994-95)

Informationsbedarf
des Arztes

Jeder Arzt braucht für die Betreuung seiner Patienten alle hierfür relevanten Informationen.


Trennung der Versorgungsbereiche

Unser Gesundheitssystem zeichnet sich nun durch spezielle Strukturelemente aus, insbesondere die traditionelle Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung, das Konzept der haus- und fachärztlichen Versorgung, neuerdings aber auch die beginnende Verzahnung der bisher räumlich und organisatorisch getrennt arbeitenden Einrichtungen, wodurch häufig Patienten von einer medizinischen Einrichtung zu einer anderen wechseln müssen. Jeder Arztwechsel, ob innerhalb einer Einrichtung oder zwischen verschiedenen Einrichtungen, macht die Weitergabe von Informationen erforderlich.


Entlassung aus dem Krankenhaus

Eine ganz besondere Problematik besteht bei der Entlassung aus dem Krankenhaus. Hier muß der weiterbehandelnde Arzt (meistens der Hausarzt), rasch das richtige weitere medizinische Procedere festlegen (Medikation, Einleitung weiterer Maßnahmen usw.). Dies ist eine in der Praxis nicht immer leichte Aufgabe, wie jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann, der in dieser Rolle tätig ist. Bei der Entlassung eines Patienten aus dem Krankenhaus besteht mithin das besondere Problem, die relevanten Informationen dem weiterbehandelnden Arzt zu übermitteln - und zwar zu dem Zeitpunkt, wenn er sie braucht, und das ist in der Regel die erste ambulante Konsultation.


Der Arztbrief als Instrument der Kommunikation

Medium hierfür ist gemeinhin der internistische Arztbrief. Allgemein bekannt ist aber, daß Mitteilungen, die mit Hilfe eines Arztbriefes übermittelt werden, oft zu spät (die zeitlichen Latenzen bewegen sich von Tagen, Wochen, bis hin zu sogar mehreren Monaten), manchmal sogar gar nicht den Empfänger erreichen. Auch wenn zunächst ein vorläufiger Krankenhausbericht (der meistens nur sehr wenige Informationen über Diagnose und Therapieempfehlungen hinaus enthält) mitgegeben wird, sind die durch diese zeitliche Verzögerung nicht selten entstehenden Informationsverzögerungen und -lücken ein häufiges Ärgernis im Routinebetrieb, vom Aufwand für erforderliche Rückfragen und eventuelle Doppeluntersuchungen ganz abgesehen. Schlimmstenfalls folgen aus defizitären Informationen defizitäre Behandlungen.


Umfrageergebnis

So hat kürzlich eine Umfrage der KV Südbaden bei 262 Hausärzten ergeben, daß nur ca. 9% den Arztbrief immer, ca. 27% ihn oft und der Rest ihn nur gelegentlich bis selten so zeitig erhält, daß er die weitere Behandlung darauf abstimmen kann (Ärztezeitung 19.1.95).


Qualitätssicherung

In den Zeiten zunehmender Bemühungen um eine "Qualitätssicherung" in der Medizin ist der gegenwärtige Zustand eindeutig als "nicht den sachlichen Erfordernissen gerecht werdend" zu bezeichnen.


Neues Konzept

Auf diesem Hintergrund haben wir ein neues Konzept für einen internistischen Arztbrief entwickelt. Hierbei standen folgende Anforderungen im Zentrum:

- die für die weitere Behandlung relevanten Informationen werden aus der Fülle der während des Klinikaufenthaltes angefallenen Daten selektiert,

- sie müssen dem weiterbehandelnden Arzt unmittelbar, d.h. bei der Entlassung, zugeführt werden,

- die Präsentation der Informationen soll an sich schon eine rasche Information ermöglichen, der Umfang einer DIN-A-4 Seite soll nicht überschritten werden,

- die Erstellung der Arztbriefe bis zum Entlassungszeitpunkt des Patienten muß personell und technisch möglich sein.

Bewußt verzichtet werden mußte auf ein lange, oft redundante Darstellungen. Unabhängig vom Arztbrief erfolgen in Fällen schwieriger Diagnosen oder Therapien telefonische Absprachen mit dem Hausarzt, der selbstverständlich auch noch weitere Informationen erhalten kann, wenn er dies wünscht (z.B. Kopien wichtiger Befunde). Voraussetzung hierfür ist eine exakte Dokumentation durch Ärzte und Pflegepersonal in der "Fieberkurve" des Patienten.


Erfahrungen

Wir haben im September 1994 mit einer Probephase begonnen und die neuen Arztbriefe den Patienten bei der Entlassung mitgegeben. Die erforderlichen klinikinternen organisatorischen Änderungen konnten durch das hohe Engagement aller Beteiligten (Ärzte, Stationspersonal und Schreibkräfte) gemeistert werden. Da wir hier Neuland betraten, haben wir anfangs jedem neuartigen Kurzarztbrief einen kleinen Fragebogen an die Hausärzte beigelegt, in dem diese ihre Meinung dazu äußern konnten. Die Resonanz war gekennzeichnet durch eine praktisch vollständige Rücklaufquote und eine sehr hohe Zustimmung zu dem neuen Verfahren.


Rückmeldungen

Von den zurückerhaltenen 69 Antworten waren 67 zustimmend und 2 ablehnend (Abb. 1). Die positiven Reaktionen wurden in 12 Fällen noch durch zusätzliche Kommentare unterstützt. In einigen weiteren Kommentaren wurde der Wunsch nach einer allgemein intensivierten Kommunikation mit der Klinik deutlich, hier wurden eine telefonische Rücksprachemöglichkeit oder eine Kommunikation per Fax angeregt. In einer Antwort wurde die Notwenigkeit betont, daß auch wirklich die relevanten Informationen vollständig übermittelt werden müssen (was durch eine interne Prüfung im Sinne einer Qualitätssicherung zu gewährleisten ist). In medizinischen Problemfällen darf - so eine weitere Anregung - die epikritische Diskussion nicht fehlen.

Die ablehnende Kritik beruhte in 2 Fällen auf dem noch nicht optimal gestalteten Layout, was sich inzwischen geändert hat. Eine weitere ablehnende Kritik bezog sich weniger auf die Gestaltung und das Konzept des neuen Arztbriefes als vielmehr auf unterschiedliche Auffassungen bezüglich des Procederes im konkreten Fall. In einem Fall wurde angeregt, neben dem Kurzarztbrief später noch einen Brief mit "allen Informationen" nachzureichen.


Innerbetriebliche Erfolge

Nach verschiedenen kleinen layouttechnischen und strukturellen Verbesserungen verwenden wir seit Dezember 1994 die bis jetzt nicht mehr geänderte Version unseres Kurzarztbriefes. Alle in der Abteilung Beteiligten empfinden die Umstellung als deutliche Verbesserung ihrer Arbeit. Folgende Vorteile haben sich gezeigt:

- für die Ärzte: die Zeit für die Erstellung der Arztbriefe hat sich verkürzt, es bleibt mit der Entlassung des Patienten nichts mehr liegen, hieraus resultiert eine enorme Steigerung der Arbeitszufriedenheit,

- für das Stationspersonal: keine Aufbewahrung mehr von Akten auf den Stationen, Eliminierung von Fehlerquellen,

- für die Schreibkräfte: hier bestand durch die Einführung eines EDV-Systems zunächst eine erhöhte Belastung, die sich durch die Vorteile der kürzeren und leichter zu handhabenden Arztbriefe rasch in eine Erleichterung wandelte,

- für die Verwaltung: auf die bisher stets notwendige Einbeziehung externer Schreibdienste konnte durch die Reduktion des Schreibvolumens vollständig verzichtet werden (!).


Verbesserungen
wurden erreicht

Zusammengefaßt ergaben sich durch die Umstellung auf das neue Arztbriefkonzept für alle Beteiligten in der Klinik Erleichterungen und Vorteile. Die hohe Akzeptanz durch die Hausärzte zeigt, daß auch die Zielsetzung einer Verbesserung der Kommunikation erreicht werden konnte.

Insgesamt haben wir den Eindruck, daß sich durch die Einführung des "Kurzarztbriefes" die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten und auch das Klima zwischen ihnen und uns erheblich verbessert hat.



Homepage des Autors: http://www.dr-rahn.de


Last updated: 19.3.2000

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